Sonntag, 9. Oktober 2016

Again & again & again & again.



And heaven shall burn upon those who set sail to kill!



"Führer war alles besser" höre ich sie sagen. Dabei denke ich mir "Konservatismus ist so faul". Aber wisst ihr, was er eigentlich ist? Verlogen. Ja, vor allem ist er verlogen! Ich will euch was sagen. Verdammte Scheiße ihr dummen Penner, früher war ein Scheißdreck besser! Früher durften Frauen ihre Meinung nicht sagen, durften ohne Mann keine Arbeit annehmen, durften Kinder nach Herzenslust geschlagen werden, durften Lehrer ungehorsame Schüler mit dem Lineal zur Räson treiben, durften Ehemänner ihre Frauen vergewaltigen, durfte die Kirche Ablass von armen Menschen fordern, durfte Göbbels Teenanger in den Krieg schicken, durfte ein König sein Volk schlachten, durfte der Weiße den Schwarzen versklaven -  aber hey, schon klar, früher war ja alles besser. Jaja, früher gab es Schubladen, früher war die Welt einfacher. Heute dagegen hinterfragen wir; wir sind individuell und ambivalent, wir sind transsexuell, linksgrün versiffte Soziologen, wir sind Weltenbürger und Atheisten, wir sind schwul und wollen ein Kind adoptieren, wir sind Feministinnen und wollen keine sexistische Kackscheiße hören, wir sind Quotenfrauen und Party-Metaler, Banker, die gern Koks schnupfen und dabei Helene Fischer hören - wir sind einfach wir. Und wir sind einfach kompliziert. Ich bin einfach ich. Ich bin einfach kompliziert. Keiner von uns ist eine konsistente Persönlichkeit. Und keiner von uns war es je, die Schubladen gibt es nicht, die einfachen Denkmuster ziehen nicht, sie sind Bullshit. Ich bin nicht kohärent in meinem Denken. Und auch mein Großvater war es nicht. Und auch mein Urgroßvater war es nicht. Ich kannte ihn nicht, keine Ahnung wer er war. Vielleicht war er kaisertreu, aber fand den Kommunismus manchmal auch ganz geil. Vielleicht hatte er einen vererbten und anerzogenen Franzosenhass, trank aber doch ganz gern mal 'nen Merlot. Vielleicht wollte er eine starke, arbeitende Frau, aber Urgroßmutter hatte zur rechten Zeit doch die Schnauze zu halten und die Beine breit zu machen. Früher war ein Scheißdreck besser. Früher haben sich alle nur in Schubladen geflüchtet, die Welt schien einfach und bescheiden, dabei war sie genauso konfus wie heute. Vielleicht erscheint die Vergangenheit so einfach, weil da einfach hingenommen wurde und die Füße still gehalten wurden. Da hat man sich nicht beschwert, da hat man einfach hintenrum getan, was man wollte, aber offiziell nicht tun durfte und hat sich darüber totgeschwiegen. Aber ja, Fakt ist, soziale Mobilität gab es kaum, arm bleib arm und reich durfte noch reicher werden - und das ist wohl heute auch noch von 20,8 % der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern gewünscht. Sie glauben nicht an Klimawandel und die Emanzipation der Frau, vielleicht glauben sie noch weniger an Fortschritt und Wissenschaft, vielleicht haben sie aber auch einfach noch nie auch nur ein einziges Wahlprogramm gelesen und glauben nur stoisch den romantisierten Erzählungen der Großeltern, wenn diese von den fetten Jahren des Wirtschaftsaufschwungs reden und alte Zeiten über die Maßen hinweg idealisieren, wobei die negativen Aspekte der Vergangenheit schön unter den Teppich gekehrt werden. Ja, vielleicht ne, ist alles so'n bisschen subjektive Empirie, eigener, beschränkter Erfahrungshorizont. Aber ich sag' euch jetzt mal, was Fakt ist: einen Scheißdreck war früher alles besser; ich bin froh kein einziges Jahrzehnt früher geboren worden zu sein. Und ich bin froh um Menschenrechte, um Voltaire und Nietzsche, um Agnostizismus und Aufklärung, um Humanismus und Säkularisierung, um ein Recht auf unbegründeten Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung, um Chinamänner und Dönerbuden. Und ja, ich glaub', mein Urgroßvater hätt' sich auch gern um vier Uhr morgens nach 'ner Sauftour 'n Dürüm reingedrückt. Ich glaub', meine Urgroßmutter hätte sich sicherlich auch gern 'ne Fehlgeburt oder 'ne weitere unerwünschte Schwangerschaft gespart. Und vielleicht würden unsere Großeltern und Eltern nicht von "Asylanten" reden, nicht von "Afrikanern", wenn's schon Leute in dritter Generation in dieser Nation sind, sondern sagen, die sind Deutsche wie du und ich, obwohl sie nicht weiß sind und keine blauen Augen haben, wenn unsere Urgroßeltern zu ihrer Zeit schon 'n paar mehr Berührungspunkte mit den "Mohren" gehabt hätten. Vielleicht würden wir dann nicht unseren subjektiven, medial induzierten Angstgefühlen nachgeben, sondern unseren menschlichen Intellekt nutzen und den Weg aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit finden. Vielleicht würden wir die infantile Furcht vor dem Unbekannten überwinden, Flüchtlinge nicht als Eindringlinge sehen und nicht denen die größte Macht in unserer Gesellschaft zu fantasieren, die in der Realität die politisch und gesellschaftlich Schwächsten überhaupt sind. Vielleicht würde durch ein wenig Umdenken der Moslem nicht mehr als legitime Freizone jeglicher psychotischer Verzerrungen der Wirklichkeit herhalten müssen. Vielleicht würden die Menschen dann erkennen, dass das Mittelalter als Paradebeispiel für gesellschaftliche Restriktionen nicht der ideale Entfaltungsraum des Individuums war und dass die Förderung autoritärer Strukturen unter dem Deckmantel der Verteidigung der Demokratie keinesfalls demokratisch ist. Vielleicht wäre unsere Kultur ja keine Quelle des individuellen Leidens, wenn diese ganzen Individuen mal ihr Halbwissen beseitigen würden, in Geschichtsbücher schauen würden, sich bilden würden, mal 'n bisschen kritischer über die Vergangenheit denken würden und 'n bisschen selbstkritischer wären. Ja, vielleicht würde man dann vom Glauben an die absolute Richtigkeit der eigenen beschränkten Meinung 'n bisschen abrücken und merken, dass der Blick zurück keinen Fortschritt bringen kann. Ist doch logisch, oder nicht? Oder wollt ihr 20,8 % mir sagen, dass ihr als Teenager die viel richtigeren Entscheidungen getroffen habt als im Erwachsenenalter und dass wir alle mit 16 viel intelligenter waren als jetzt mit Mitte 20 und wir uns am besten ein Beispiel an unserem Ich von vor 10 Jahren nehmen sollen? Oder wollt ihr mir sagen, dass ihr lieber euren Schatten anschaut, weil's im Dunklen so viel schöner ist als im Hellen und ihr da so viel mehr seht? Klappt nicht, merkt ihr selbst, ne? Nach hinten schauen hilft nicht. Zumindest mir nicht. Denn ich glaub' nicht an "Früher war alles besser". Ich glaub' an "Morgen ist alles besser" - wenn wir uns heute an ein paar Prämissen halten und 'n bisschen anstrengen und um die Ecke denken, wenn wir heute die Arme ausbreiten und die umarmen, die mit uns eine multikulturellere Zukunft bauen wollen, die mit uns für demokratische Werte und gegen autoritäre Politik kämpfen und vor allem die umarmen, die die Alternative für Deutschland im Miteinander sehen, nicht im Gegeneinander.

Kommentare:

Nicole Minnie hat gesagt…

Huhu...

Interessanter Text und schön geschrieben.
Ich denke, nicht alles ist früher besser. Aber auch nicht das heute alles so toll ist. So gab es vor einigen Jahren noch mehr Hilfe für Familien, die es heute nicht mehr gibt. Man kann noch hoffen, dass die Welt besser wird. Das mehr nachgedacht wird und das die Menschheit endlich mal zusammen hält.

Alles liebe

Johanna hat gesagt…

Achja, damals war alles besser. Als Trumps Präsidentschaft noch ein Witz bei den Simpsons war, es noch etwas mehr Regenwald gab und man Bauchfrei rumlaufen konnte, ohne gleich eine "Schlampe" zu sein. Jaja due guten 90iger und 2000e Jahre.
Nee ernsthaft mich gruselt der Backlash der letzten Jahre wo gefühlt immer mehr Menschen sich die 50iger zurück wünschen mit Frau am Herd und weniger medialer Präsenz von POC. Hast du die Studie letztens gesehen, dass ganze 46% der Westdeutschen arbeitende Mütter kritisch sehen? Bestimmt sehen die meisten davon arbeitende Väter nicht so kritisch. Weil ist ja normal dass der Vater keine Kindererziehung macht. Wo kämen wir denn dahin ...
PoC leben im "weißen" Deutschland schon ewig, das scheinen viele zu vergessen. Viele interessiert es gar nicht, dass die deutsche Politik damals Arbeiter angeworben hat. Und heute im Zuge des "Fachkräftemangels" wird es Ärzten und anderen gut ausgebildeten Fachkräften verwehrt nach Deutschland zu kommen. Da geht man zur Uni und man bekommt von Profs Komplimente, wie gut das deutsch wäre. Ernshaft? Kann man 2016 nicht glaube, dass es nicht-weiße Deutsche gibt? Die deutsch sprechen, weil sie hier aufgewachsen sind?

„Tradition ist doch nur ein Falle. Eine Selbsttäuschung. So können sich die Leute weiter vormachen, das die vergangenen Zeiten viel schöner waren. Das Leben war einfacher, die Kinder wussten nichts von Sex, die Nachbarn kannten sich noch. Alles Ammenmärchen, es war früher alles genauso wie heute. Nur ohne gefliestes Bad.“

Bittersüß. hat gesagt…

Ja, Recht hast du, Johanna. Früher war die Welt noch heil, da gab es natüüüüüürlich keine Gewalt, keinen Krieg, keine Ungerechtigkeit, keine Vergewaltigungen, keine familiären Probleme; es war alles Friede, Freude, Eierkuchen. Ich könnte kotzen, wenn ich so einen Stuss hör. Aber so ist das nun mal, auf Zeiten des Fortschritts haben schon immer reaktionäre Perioden gefolgt. Kein Vordenker kam jemals ohne Widerstand aus. Aber gerade heutzutage, wo man sich doch so gut über alles und jeden informieren kann, könnte man doch mal ein bisschen objektiver mit Geschichte umgehen und nicht immer nur dumm nachplappern, was Andere sagen.

Genya hat gesagt…

Ich finde es gut, dass du dir über sowas Gedanken machst. Viel zu oft wird der jungen Generation vor geworfen es sei alles egal, aber da sieht man mal das es nicht stimmt.

Aenni hat gesagt…

Ich finde deinen Gedanken gut. Es hat etwas in meinem Hirn angeregt, wo ich jetzt auch erstmal drüber nachdenken muss. Danke dafür!

Alice Whyden hat gesagt…

Ich finde deinen Text wirklich beeindruckend.
Als ein Kind aus NRW mit momentanem Studienort in Mecklenburg-Vorpommern habe ich zwei verschiedene Seiten kennen lernen können. Mein Empfinden ist es, dass die Menschen in MV und vielleicht auch die, bei denen die AFD bereits hohe Wählerqouten hat erzielen können, viele abstrakte Ängste haben. Viele fürchten sich davor, dass ihnen etwas weggenommen wird. Die angeblich 'fremden' Menschen mehr bekommen als sie selbst.
MV ist ein absolutes Flächenland mit gerade einmal 1,6 Mio. Einwohnern und ca. 30 000 registrierten Flüchtlingen. Die Frage ist, wovor sich diese Menschen also fürchten.
In NRW ein ganz anderes Bild. Klar, die Menschen fürchten sich hier vielleicht auch, aber man merkt dennoch, dass sie viel offener und aufgeschlossener auf vermeintlich 'fremde' Menschen zugehen.

Das ist nur ein Beispiel und es wird sicherlich auch Ausnahmen geben, allerdings kann und möchte ich dir auch persönlich zustimmen. Früher war nicht alles besser. Wäre es so, würden wir nicht sein, wo wir heute stehen. Viele hängen daran, weil sie es sich einfach machen wollen. Den momentanen Problemen aus dem Weg zu gehen, doch gerade da sollten wir, besonders die junge Generation ansetzen. Bestimmen, wie wir unsere Zukunft und die des Landes, unserer Gesellschaft sehen wollen.

Ich finde deinen Text wirklich beeindruckend. Viel mehr Leute sollten Lesen und Verstehen. Diese Gedanken teilen und weitertragen. Für mehr Verständnis und Initiative.

Susanne G. hat gesagt…

hmm, es gibt bestimmt Dinge, die früher besser waren, aber alles in allem bin ich auch sehr froh, im hier und jetzt zu leben. Aber generell kann man nie sagen, dass heute oder damals alles besser war.
Finde deinen Text wirklich gut!

Liebe Grüße
Susanne

Farina hat gesagt…

Auf jeden Fall ein krasser Text mit starker Meinung.
Darf ich nur vorschlagen beim nächsten mal Absätze zu machen? Bei dem riesen Blocktext mit kleinen Buchstaben fiel es mit schwer beim Lesen nicht in den Zeilen zu verrutschen :D
Liebst,
Farina