Donnerstag, 27. April 2017

Don't tell me which direction I should take now that I've found my way.



Ich bin nur ein großer Träumer, doch mit Träumen fängt es an.
Ich hab' viel zu lang gebraucht, um zu erkennen was ich kann.
Meine Gedanken fliegen höher, breiten ihre Flügel aus. Ich bin
bereit, es ist soweit. Ich hab mein Ziel erreicht.



Manchmal erwische ich mich selbst. Da erwische ich mich dabei, wie ich dummgrinsend mit den Anime-Intros aus meiner Kindheit auf den Ohren durch die Straßen von Tokio lauf' und mich wie blöde freue, zwischen all den Wolkenkratzern zu arbeiten, in einem Viertel voller blinkender Reklamelichter zu leben und an jeder Straßenecke einen wunderschönen Schrein oder Tempel zu sehen. "In Tokio Leben" stand auf meiner Bucket List - eine Liste, die ich mit 15 anfing zu schreiben. Dort fanden sich Punkte wie "mit Haien schwimmen", "Polarlichter sehen" oder eben "in Tokio leben". Ich hab' keine Ahnung, woher der Punkt kam. Ich war nie ein sonderlich passionierter Anime-Fan, war eben der gute Mittelfeld-Fan als Serien wie Kickers, Sailor Moon oder Digimon der Renner waren. So 'ne richtige Vorstellung von Tokio hatte ich eigentlich nie, noch nicht mal zwei Tage bevor mein Flug nach Narita ging. Und dennoch bin ich hier, vollkommen überwältigt vom Puls der Millionenmetropole, von der Ästhetik der Straßen, der Schönheit der Architektur, der filigranen Gestaltung der Grünflächen. Ich kann es manchmal gar nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Dass ich wirklich all die Dinge erleb', die ich erleb' - und die so viele Menschen in ihrem Leben nie erleben werden. Manchmal greif' ich einfach meine Kamera und zieh' mit ihr durch die Straßen. Dann hör' ich  Frank Schindel oder nano rauf und runter und fotografier' jede noch so kleine Gasse, einfach weil's nie aufhört mich zu faszinieren. Ich bin hier. Tatsächlich. Ich lebe hier. Ich bin nicht nur Tourist, ich wohne hier. Ich verstehe immer besser Japanisch. Ich kann immer mehr Kanji lesen. Ich bin Journalistin. In Tokio. Ich hab' mir einen meiner größten Lebensträume erfüllt. Ab jetzt glaub' ich bedingungslos an mich.

Dienstag, 21. März 2017

I'm not the black sheep - I'm just the wolf in sheep's clothing.




This is not the way into my heart, into my 
head, into my brain, into none of the above.
This is just my way of unleashing the feelings
deep inside of me, this spark of black that I seem to love.




Ich erinnere mich gut. Mit 7 Jahren malte ich vier Bilder. Für jede Jahreszeit eins. Ich schrieb auf die Bilder kleine Geschichten, beispielsweise wie eine Blume mit einem Baum über den kommenden Winter spricht und weiß, dass sie sterben muss, er aber weiterleben wird. Als ich die Bilder zeigte, sagte man mir, man glaube nicht, dass ich das geschrieben hätte. 7-Jährige seien zu so etwas nicht im Stande. Ich glaub, da fing ich an, mich auf verlorenem Posten zu fühlen. 
Ich war ein stilles Kind, bei den Nachbarskindern unbeliebt und lieber allein. Ich wurde in Sportvereine gezwungen, vorwiegend um soziale Kontakte aufzubauen. Aber ich fand die anderen Kinder alle kacke. Also ging ich ziemlich bald schon nicht mehr hin. Später wollte ich ein Instrument lernen. Aber ich fange ja alles an und bleibe nicht dabei, deswegen gibt's auch keinen teuren Musikunterricht für mich. Ohnehin soll ich lieber gute Noten schreiben und nicht an irgendein musikalisches, unbrauchbares Gedudel denken, soll mich in der Schule anstrengen. Also bekomme ich einen Anreiz dazu. Für 'ne 1 zwei Mark, für 'ne 2 eine Mark. Der 3er spült immerhin noch 50 Pfennig in den kindlichen Geldbeutel 'rein. Der Vorschlag meiner Lehrerin, mir anstatt Geld doch besser Zeit - und damit verbunden Unternehmungen und Erinnerungen - zu schenken, wird abgenickt, mir mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen mittelernst und süffisant liegt, mitgeteilt und dann einfach nicht umgesetzt. Er erscheint wohl etwas zu lächerlich, immerhin sind Zeit und Erinnerungen nichts Greifbares und auch nichts Kaufbares. Und abstrakte Dinge sind wie Musik eben unbrauchbar, also bleiben wir lieber zu Hause, macht eh keinen Unterschied. Zu Hause bin ich übrigens oft. In meinem Zimmer, still und auch bei eitel Sonnenschein. Ich lese ziemlich gern und viel. Deswegen bin ich introvertiert und komisch. Mit 14 werde ich in meiner empfindlichsten, pubertären Teeniephase als "sozial armer Mensch" bezeichnet. Mit 21 war ich dann durch mein Studium arrogant geworden. Und mit 25 kurzzeitig niemandes Tochter mehr. 
All diese Dinge sagte mir nicht einfach irgendjemand, all diese Dinge sagten mir meine Eltern. Sie hatten einen Plan für mich, einen Lebensweg, den sie in ihren Köpfen schon mühsam gepflastert hatten und den ich nur noch entlang zu spazieren bräuchte. Sie wollten mich in die von ihnen vorgegebene Richtung schubsen, wollten ja immer nur das Beste für mich. Ich konnte in der Schule oberes Mittelmaß sein, das war ok. Aber so ganz ohne Clique in der Teenie-Zeit, ohne Spaß an Sportvereinen und oberflächlichen Freundschaften, das machte mich in ihren Augen zu einem hilfsbedürftigen Wunderling. Und die Hilfe kam nicht in Form von Förderung der Talente, die ich hatte, nicht in guter Zusprache oder Fürsorge, sondern in Form von gehässigen Predigten, die mich vor Verzweiflung und Wut jedes Mal zum Weinen brachten. Heulsuse. Blärliesl. Kalte, empathielose Denunziationen waren die Ernte meiner emotionalen Früchte. Das Reflexionspotenzial auf der Seite der einstigen Autoritätspersonen geht gleich dem absoluten Nullpunkt. Völlige Verständnislosigkeit warum ich mich entziehe, nichts mehr von mir Preis gebe, mein Leben alleine lebe, nach keinem Rat frage und ihn bei Aufdrängen auch nicht hören will. Ich treffe Entscheidungen selbstständig - laut meinen Eltern mal zu selbstständig, mal zu wenig selbstständig, je nach dem wie sie es gerade brauchen. Das Pulverfass aus Verschweigen, Denunzieren und Belehren explodierte vor gut einem Jahr dann völlig. Streit, Tränen, kindisches Verhalten. Für mich stand fest: es reicht. Ich bücke mich vor euch nie wieder. Die Fronten waren verhärtet. Und so entzog sich meine Familie mir. Zur Strafe. Aber ich blieb aufrecht. Bestrafen kann mich immerhin lediglich eine Autorität. Wenn ich diese aber nicht einmal anerkenne, verpufft jegliche "strafende" Konsequenz. Die Konsequenz wird bedeutungslos, leer. Kurze Zeit später wurde der Streit beigelegt, aber ein bitterer Beigeschmack blieb. Alle Parteien gestanden Teilschuld ein, subtil wurde aber verdeutlicht, dass doch der Großteil der Schuld auf meiner Seite läge. An diesem Muster werde ich wohl nie was ändern. Sowieso hab ich vom Leben generell keine Ahnung, zumindest mal wesentlich weniger Ahnung als meine Eltern. Dabei glaub' ich eigentlich, dass ich recht viel Ahnung vom Leben hab. Mittlerweile war ich in einigen Ländern mehr als sie, hab verschiedene Lebensentwürfe gesehen, unterschiedlichste Gesichter der Erde und auch, dass man ohne Geld durchaus glücklich werden kann. Ok, nicht ganz ohne, aber halt mit wenig. Auf dem verlorenem Posten bin ich in meiner Familie dennoch immer geblieben. Irgendwie bin ich anders als der Rest von ihnen. Ich bin nicht nachtragend und ich halte meine Eltern auch wirklich nicht für schlechte. Ich denke nur, sie waren nie fähig, mit mir auf irgendeine geartete Weise "richtig" umzugehen. Sonst hätten sie vielleicht gemerkt, dass ich einfach nur nicht in die kleine südbayrische Welt gepasst hab, in die ich hinein geboren wurde. Aber irgendwie finde ich das ganze ja schon ok. Sich wahnsinnig gut verstehende Familien mit inzestuösen Kumpel-Gefühlsbindungen find ich gruselig. Das gehört sich meiner Meinung nicht. Eine gesunde lokale und emotionale Distanz zwischen den einzelnen Generationen, die die kilometermäßige Grenze des spontanen und unangekündigten Familienbesuchs klar überschreitet, halte ich für psychisch unbedenklicher als das Gegenteil. Und zu guter Letzt muss natürlich auch gesagt werden, dass diejenigen, die zu Hause ständig den Arsch gepudert bekommen haben, meiner Erfahrung nach auch zu 98% unselbstständige Sensibelchen geworden sind. In diesem Sinne hat mein elterliches Abhärtungsprogramm vollsten Erfolg gehabt. Danke Mama, danke Papa, dass ihr mich zu einem starken Menschen gemacht habt, der sich bestimmt und enthusiastisch gegen die widrigsten Widerstände durchsetzen kann und sein Lebenspensum an Heulen schon mit 11 vollkommen ausgeschöpft hatte. Mittlerweile seh' ich das Ganze positiv und nehm's mit Humor.

Mittwoch, 15. Februar 2017

Vorsätze, die ich mir hätte nehmen sollen und die jetzt obsolet sind, weil ich sie nicht mehr umsetzen kann.



What do you wanna wear this spring?
What you think is a new thing? 
What do you wanna wear this season?




Tja, wie das immer so ist, ist man zu Hause getrieben von Fernweh und in der Ferne gequält von Heimweh. Irgendwas vermisst man immer. Überall gibt es positive und negative Aspekte, aber eines ist vollkommen klar: auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner. Ich dachte, in Tokio sei es so richtig grün. Die Erfüllung meiner Träume. Betondschungel soweit das Auge blicken kann. Highlife zum Überquellen. Und tatsächlich ist es auch furchtbar geil hier. Eine ganz andere Welt, neu, spannend, unvorhersehbar. Aber so ein paar Dinge, so ein paar altbekannte Dinge aus Deutschland... die vermiss' ich schon. Und da ich dieses Jahr auch so ganz undeutsch ins neue Jahr gestolpert bin, hab ich mir auch keine ziemlich deutschen Vorsätze für 2017 genommen. Das macht man in Japan einfach nicht. In Japan betet man für Glück, kauft sich für 100 Yen Glück in Papierrollenform und isst glücklich Mochi und Daifuku. Jetzt ist 2017 schon wieder genau zweieinhalb Monate alt; trotzdem bin ich am überlegen, was ich mir eigentlich hätte vornehmen sollen. Daraus bastle ich mir einfach ein paar Vorsätze à la "Dinge, die ich tun will, wenn ich wieder in Deutschland bin" zusammen. Und dann schauen wir mal, wie toll ich die in Rest-2017, aber vor allem 2018 umsetzen kann.

  • Mehr backen. Warum wirft mir mein Pinterest auf einmal 70.598 geile Backrezepte vor die Nase, wo ich jetzt in Tokio ohne Backofen lebe?
  • Mir öfter mal ein Glas Wein gönnen. Nicht, dass ich das nicht schon immer gern getan hätte. Aber hier in Tokio ist der fermentierte Traubensaft einfach wahnsinnig teuer und landet deswegen überhaupt nicht mehr im Einkaufskorb. Dabei fehlt es mir schon, ab und an in der Badewanne zu liegen und ein Gläschen Tempranillo zu schlürfen oder mir auf dem sonnigen Balkon einen Rosé einzuverleiben.
  • Tempos zu schätzen lernen. Da sich Japaner nicht wirklich beherzt schnäuzen, sind Taschentücher hier so dick wie ultradünne Kosmetiktücher. Mit der Vielseitigkeit des guten, alten Tempos in europäischen Breitengraden kann dieser Hauch von Stofffetzen einfach nicht mithalten.
  • Zum aktiven Nutella-Liebhaber werden. Bisher wurde die Schokocreme von mir eher stiefmütterlich behandelt. Nachdem sie hier aber in winzigen Plastikgläsern für 5 € pro 200 Gramm daher kommt, vermisse ich ihr altes Ich doch irgendwie.
  • Nie wieder vom Sofa aufstehen. Ehrlich, nie wieder. Warum bietet man überhaupt Behausungen ohne Sofa an? Japaner haben noch viel zu lernen.
  • Geld sparen. Jeder Einkauf hier - besonders überlebenswichtige Dinge wie Lebensmittel und Drogerieprodukte - treibt einem hier Verzweiflungstränen in die Augen. Sparen ist hier nicht gerade leicht. Umso schöner, wenn man im heimischen Discount-Land wieder etwas Geld zur Seite legen kann.
  • Verrückte Outfits anziehen und mir rein gar nichts dabei denken. Tokio ist eine Fashion-Metropole der Extraklasse. Alles, was geht, ist hier erlaubt. Stilbrüche? Gern gesehen. Mustermix gegen alle Regeln des guten Geschmacks? Why not. Besonders in Harajuku scheißt sich keiner drum, wie bescheuert er vielleicht aussieht. Herrliche Einstellung.
  • Weniger über Deutschland meckern. Ja, wir Deutschen sind bekanntlich ziemlich schnell dabei, uns mit vollstem Herzen über alles, jeden und kleine Details zu beschweren. Alles kann perfekt sein, wir finden trotzdem das winzige Haar in der Suppe. Zwar wissen wir selbst, dass es uns doch eigentlich ganz gut geht und wir einen hohen Lebensstandard pflegen, aber wie schön es bei uns wirklich ist, weiß man erst, wenn man mal im Ausland gearbeitet hat. Ja, arbeiten, leben, nicht nur Urlaub machen. Wer mal in den asiatischen Arbeitsmarkt reinschnuppert, sehnt sich sehr schnell nach dem deutschen Standard.
  • Weniger stressen lassen. Hm, was soll ich sagen? Ich lebe im Ausland. Vieles hier (und auch zu Hause in Deutschland) geht mir gerade richtig schön am Arsch vorbei. Und wie ich sehe: die Welt geht nicht unter, nur weil ich mir mal keine Sorgen mach.
  • Aktiver ökologisch handeln. Wo ich es kann, tue ich das bereits. Jedoch sind die Mittel dazu während des Studentenlebens meist knapp bemessen. Vor allem die finanziellen. Nun, als Teil der arbeitenden Bevölkerung mit einem soliden Einkommen, kann ich endlich die etwas teureren regionalen Produkte kaufen und nicht jeden Cent zweimal umdrehen.
  • Japanische Essgewohnheiten beibehalten. Viel Gemüse, viel Soba, viel Suppiges. Gesund, lecker, kalorienarm. Hab spielend abgenommen. Das heißt also, vor Abreise zurück in die Heimat ein richtig fettes Paket mit haltbarem Essen vorausschicken. Ist halt doch ziemlich vieles richtig geil hier.

Dienstag, 29. November 2016

Tokio, du kannst so bitter sein...



Is there something higher keeping me alive?
Maybe hope buried deep within is what is
needed to begin again... Now I must believe
in something I cannot see. For now I'm 
on my own. It's my will with all my might
to stay strong, put up a fight. I'm so lost
but not afraid. I've been broken. I'll rise
again. Won't give up. I've come this far.




Ich stampfe auf den Asphalt. Meine Füße sind nass. Die Schuhe kleben am Boden. Der Boden saugt sich an ihnen fest. Oder sie sich an ihm. Tokio will mich nicht loslassen. Und ich Tokio nicht. Regentropfen fallen in mein Gesicht. Schirme überall, nur nicht über meinem Kopf. Die hellen Lichter der Stadt spiegeln sich in den Pfützen auf der Straße. Es ist dunkel. Und doch so grell. Ich bin ratlos. Ziehe einsam durch die Stadt wie ein Fremder auf der Suche nach einem Platz für sich. Den hab ich aber schon. Mitten in der Stadt. In Minato. Am Hafen. In einer kleinen, versteckten Gasse. Oben auf einer schmalen, steilen Treppe, die ein durchschnittlich großer Europäer nur mit ein wenig Anecken hinauf kommt. So ist Minato eben. Zentraler geht es kaum. Japanischer geht es kaum. Und weil alles so japanisch ist, ist es auch mein Schlafplatz. Ein trockenes Dach über dem Kopf. Halbwegs warm. Mit einer einzigen Herdplatte. 10 Quadratmeter. Ich teile sie mir mit einer Japanerin. 10 Quadratmeter für zwei. Japanisch eben. Und es gibt kein Bad. Es gibt überall Bäder. Öffentliche. Weil "no Bathroom" in Tokioer Behausungen noch nicht einmal selten ist. Besonders, wenn sie traditionell japanisch sind. Sauber sind Japaner aber dennoch sehr. Also gibt es allerhand öffentliche Bäder. Und auch ich müsste in so eines. Ist ja ohnehin ein Erlebnis für sich. Ich würde auch in eins. Sogar dreimal die Woche, eben um mich zu duschen. Aber ich bin tätowiert. Ich darf in keines. Was mache ich nun? Bleibe ich einfach im Regen stehen und warte, bis ich bis auf die Knochen nass bin? Lasse ich mich einfach von der Stadt auffangen? Von ihren nassen Straßen, an denen meine Schuhe schmatzend pappen? Gebe ich auf? Nein. Nein, ich gebe nicht auf. Ich lasse mich nicht auf die Melancholie der nassen Straße ein. Ich gehe auf die bunten Lichter zu. Trete in eine helle, trockene, warme Bahn. Zwischen hübsche Japanerinnen und schlafende Japaner. Ich ziehe meines Weges. Und google in meinem noch-Zuhause nach öffentlichen Bädern, in denen Tattoos erlaubt sind. Im Zweifelsfall gehört das Bad der Yakuza. Auch ok, Hauptsache duschen. Und das nicht im Regen.