Sonntag, 25. Mai 2014

Glückwunsch, BRD!



Die Schaufensterbeleuchtung konkurriert geradezu mit dem stahlenden Sonnenschein. Das Einkaufscenter ist wie leer gefegt, meine Chefin beschwert sich über die Flaute im Geschäft. Ich kann die Leute gut verstehen, wäre jetzt auch lieber im sonnenüberfluteten Freibad, als im künstlichen Licht. Aber wenn es nach dem Einzehandel geht, sollen alle kaufen. Die neuen Sachen - die brandneuen Sachen - und die alten am besten auch noch. Olivfarbene Parkas mit Kunstfellbesatz tummeln sich in unserem Sale. Keiner will sie mehr, alle wollen nur noch Shorts, neonfarbene Tanktops und bunte Bikinis. Alle wollen Sommer - und das Blingbling in den Geschäften wird immer greller, will uns blenden und zum sinnlosen Kauf verführen. Das Glitzern will uns unzufrieden machen, will einen Haben-wollen-Drang in uns entfesseln. Und die Wirtschaft? Die will nicht nur überleben, die will reich werden. Mit unserer Unzufriedenheit, mit der Unzufriedenheit, die sie uns einredet.
Feierabend. Der utopisch hoch kalkulierte Tagesumsatz ist heute wegen Sommer ins Wasser gefallen. Das Blingbling funkelt schön auf dem Nachhauseweg, will meine Unzufriedenheit anfachen, damit ich kaufe, kaufe, kaufe. Aber ich gehe lässig vorbei. Gönne mir zu Hause auf meinem Balkon einen süßen Rotwein und fühle mich sehr zufrieden. Denn ich bin es. Und ich bin glücklich. 
Ich habe das große Glück, in ein Land geboren worden zu sein, in dem ich sein darf, was ich will. Ich dem ich an der Politik teilhaben darf, in dem ich für oder gegen alles demonstrieren darf. Ich dem ich sagen darf, was ich will, wann ich will und wo ich will. In dem ich als Frau weder beschnitten werde, noch meinen Mann fragen muss, ob ich arbeiten gehen darf. In dem ich zur Schule gehen kann und gegen Krankheiten geimpft werde, an denen Menschen in der Dritten Welt massenweise sterben. In dem die Würde des Menschen stets unantastbar bleibt und auch Täter noch Rechte haben. In dem nicht mehr Geburt und Blutslinie bestimmt, wer ich bin. Ich habe das große Glück, in ein Land geboren worden zu sein, in dem ich mich bilden kann. Das mir Bücher, Internet und Schule bereit stellt. Das mir Facebook und Youtube zugänglich macht. Das mich unter rechtlichen Schutz stellt und mir Freiheit garantiert. Das mir als Frau - zumindest theoretisch - in allen Lebenslagen die gleichen Rechte zugesteht, wie einem Mann. Ich bin in eine Republik geboren, die mit ihren 65 Jahren mittlerweile ein Rentner, und als solcher sicherlich auch ein wenig verstaubt und eingerostet ist. Sie ist nicht perfekt und wird es wohl auch nie sein. Aber sie schenkt mir Freiheit und Rechte. Und ich habe gelernt, das nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. Ich kann mich glücklich schätzen, ganz ohne das Blingbling.

Kommentare:

Sabine S. hat gesagt…

Ein sehr schöner Post, es ist eine edle Eigenschaft, wenn man es geschafft hat, sich frei vom Konsum zu machen und zufrieden zu sein. Und noch schöner ist es, wenn man erkennt, wie gut wir es hier haben, statt ewig zu Nörgeln. Unmut an den richtigen Stellen äußern finde ich vollkommen richtig, aber eine "Alles ist scheiße"-Einstellung kann ich nicht verstehen.

Liebe Grüße,
Sabine von Zuckermischwerk

Neon Gold hat gesagt…

ich LIEBE das foto!!!